Elektrolyse und Finanzierung: Zwei Studien zu den Engpässen beim Wasserstoffhochlauf in Europa

Der Hochlauf von erneuerbarem Wasserstoff in Europa gilt als technologisch machbar und politisch gewollt. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung großskaliger Projekte hinter den Erwartungen zurück. Zwei kürzlich veröffentlichte Studien beleuchten diese Diskrepanz aus unterschiedlichen Perspektiven: Einerseits analysiert das Clean Energy Technology Observatory den Stand und die Wettbewerbsfähigkeit von Elektrolyse-Technologien in der EU, andererseits untersucht eine Analyse des Oxford Institute for Energy Studies die Finanzierbarkeit von Wasserstoffprojekten. Zusammen zeichnen sie ein konsistentes Bild zentraler struktureller Engpässe.

Elektrolyse: technologisch weit, systemisch anspruchsvoll

Die Analyse des Joint Research Centre der Europäischen Kommission zeigt, dass zentrale Elektrolyseverfahren – insbesondere alkalische und PEM-Elektrolyse – technologisch ausgereift sind und kommerziell eingesetzt werden. Parallel dazu rücken neue Verfahren wie AEM oder Festoxid-Elektrolyse schrittweise aus der Demonstrationsphase in Richtung industrieller Anwendung.

Der Fokus der technologischen Entwicklung verschiebt sich dabei zunehmend: Weg von der reinen Stack-Performance, hin zu Systemintegration, Standardisierung und industrieller Einbindung. Elektrolyseure werden nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als Teil komplexer Gesamtsysteme – etwa in der Ammoniak-, Stahl- oder Chemieproduktion.

Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass großskalige Elektrolyseprojekte in Europa derzeit mit hohen Investitionskosten konfrontiert sind. Diese resultieren aus dem Zusammenspiel von Engineering, Netzanschlüssen, Standortkosten und Finanzierung. Hinzu kommen begrenzte Skaleneffekte, da viele Projekte bislang nicht über die Ankündigungsphase hinausgekommen sind.

Ein weiterer struktureller Faktor betrifft die Wertschöpfungskette: Während die EU bei Forschung, Entwicklung und Endmontage stark ist, besteht eine ausgeprägte Abhängigkeit von importierten Rohstoffen – etwa bei Platingruppenmetallen oder Seltenen Erden. Diese Abhängigkeiten wirken sich sowohl auf Kosten als auch auf strategische Resilienz aus.

Kosten, Strom und Umweltaspekte

Für die Wirtschaftlichkeit von Elektrolyseprojekten ist der Strompreis ein zentraler Hebel. Mit steigender Auslastung der Anlagen verschiebt sich das Kostengewicht zunehmend vom Investitionsaufwand hin zu den laufenden Stromkosten. Damit rücken Fragen der Strombeschaffung, der Volllaststunden und der Integration in das Energiesystem in den Mittelpunkt.

Auch ökologische Aspekte werden in der Studie explizit adressiert. Neben dem Wasserbedarf für die Elektrolyse selbst spielen der zusätzliche Kühlwasserbedarf, potenzielle indirekte Klimawirkungen von Wasserstoffemissionen sowie die Treibhausgasintensität des eingesetzten Stroms eine wesentliche Rolle. Der ökologische Fußabdruck von Wasserstoff hängt damit nicht nur von der Technologie, sondern stark vom Systemkontext ab.

 

Bankability: Technik reicht nicht aus

Während die JRC-Studie den technologisch-industriellen Rahmen absteckt, setzt die zweite Analyse an einem anderen Punkt an: der Finanzierbarkeit von Wasserstoffprojekten. Der Befund des Oxford Institute for Energy Studies ist eindeutig: Viele Projekte scheitern nicht an der technischen Machbarkeit, sondern an fehlender Bankability.

Für Kreditgeber und Investoren stehen stabile, langfristig planbare Cashflows im Vordergrund. Wasserstoffprojekte bewegen sich jedoch häufig in einem Umfeld mit unsicheren Absatzmärkten, volatilen Energiepreisen und noch nicht etablierten Vertragsstandards. Entsprechend hoch werden Markt- und Erlösrisiken eingeschätzt.

Zentral ist dabei die Frage der Abnahme: Ohne langfristige, kreditwürdige Abnehmer und belastbare Vertragsmodelle bleiben Projekte schwer finanzierbar. Instrumente wie Take-or-Pay-Verträge, Blended Finance oder Contracts for Difference können dazu beitragen, Risiken zu reduzieren und Projekte bankfähig zu strukturieren. Entscheidend ist weniger die technologische Neuartigkeit als die vertragliche und regulatorische Einbettung.

Lehren aus Demonstrationsprojekten

Die Studie verweist in diesem Zusammenhang auch auf Demonstrationsprojekte wie H2Future der voestalpine in Linz. Solche Projekte liefern nicht nur technische Erfahrungswerte, sondern schaffen Vertrauen bei Finanzierungsakteuren. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Übergang von Pilot- und Demonstrationsprojekten zu großskaligen Investitionen kein automatischer Prozess ist. Um privates Kapital im großen Stil zu gewinnen, müssen langfristige Abnahmeverträge mit kreditwürdigen Partnern durch Instrumente wie CfDs oder Garantien abgesichert werden.

 

Gemeinsame Kernaussage beider Studien

In der Zusammenschau zeigen die beiden Analysen, dass der Wasserstoffhochlauf in Europa durch ein Geflecht aus verschiedenen strukturellen Hemmnissen gebremst wird: Zwar sind die technologischen Grundlagen und politischen Zielsetzungen vorhanden, doch das komplexe Zusammenspiel aus hohen Kosten, Lieferkettenabhängigkeiten sowie fehlenden Erlös- und Vertragsarchitekturen verhindert derzeit die breite Umsetzung.

Für den weiteren Markthochlauf bedeutet das, dass der Fokus stärker auf Systemfragen gelegt werden muss – auf Auslastung, Stromintegration, Abnahmeverträge, Finanzierung und regulatorische Stabilität. Ohne diese Elemente bleibt der Ausbau der Elektrolysekapazitäten fragmentiert, und die erhofften Skaleneffekte stellen sich nur begrenzt ein.

Die beiden Studien liefern damit weniger neue Visionen als eine präzise Diagnose: Der Engpass liegt nicht allein in der Technologie, sondern in der Übersetzung politischer Ambitionen in investitionsfähige Projekte.

 

Die Studien

BOLARD, J., DOLCI, F., WEIDNER, E., GRYC, K., EYNARD, U. et al., Clean Energy Technology Observatory: Water Electrolysis and Hydrogen in the European Union - 2025 Status Report on Technology Development, Trends, Value Chains and Markets, Publications Office of the European Union, Luxembourg, 2025, https://data.europa.eu/doi/10.2760/7797181, JRC144106.

RUSHTON, H., PATONIA, A., Bankability of Hydrogen Projects: Key Risks, Financing Challenges and Mitigation Solutions, OIES Paper ET52, Oxford Institute for Energy Studies, Oxford, January 2026.